Die ganze Welt ist beta.

Offenbar entspricht es dem aktuellen Zeitgeist, dass alles nur noch „beta“ ist: Seien es neue Web-Applikationen, Berichte, Präsentationen oder ganze Geschäftsmodelle, allem wird der Status des Unfertigen verliehen. StudiVZ, um nur ein Beispiel zu nennen, ist offiziell noch immer im Beta-Status, wird aber schon für eine lächerliche Summe aufgekauft. Das Museum of Modern Beta (MOMB) hat sogar schon eine Galerie von Websites im Beta-Stadium eröffnet und Dr. Web präsentiert eine ganze Beta-Logo-Parade. Wenn Begriffe inflationär gebraucht werden, geht es jeweils nicht lange, bis weitere Unterteilungen geschaffen werden, um den Begriff noch umfassender und länger verwenden zu können. So gibt es mittlerweile auch die Versionen „open beta“ und „closed beta“.

Leider kann ich nicht behaupten, dass meine Mitarbeiter diesem Trend widerstehen könnten: Ich erhalte kaum ein Konzept, eine Offerte oder eine Präsentation, ohne dass noch irgendwo der Vermerk „Draft“ oder „t.b.d.“ (to be defined) steht. Meistens folgen dann im Begleitmail noch so nette Hinweise, dass leider noch eine Information gefehlt habe, jemand gerade abwesend gewesen war oder noch etwas anderes dazwischen kam und deshalb das Dokument noch nicht fertig sei. Ganz besonders schätze ich es auch angefangene Kapitel oder Slides mit dem Vermerk, ich solle doch bitte noch weitere Inputs liefern.

Versteht mich nicht falsch, ich bin ein überzeugter Kaizen-Jünger und weiss selber, dass man alles immer noch verbessern kann. Und selbstverständlich ist es besser, einmal eine erste Version zu veröffentlichen oder zu versenden und entsprechendes Feedback einzuholen, als nur im stillen Kämmerlein daran zu arbeiten. Und ja, logisch entspricht ein Projekt o.ä. in einem hochdynamischen Umfeld immer nur einer Momentaufnahme und entspricht dem aktuellen Stand der Arbeiten oder des Wissens. Aber die meisten verwenden den „beta“-Status ganz einfach, weil sie so nicht zu Ende denken müssen und bei entsprechender Kritik immer darauf verweisen können, dass eben alles noch nicht fertig sei. Ich persönlich glaube hier den Trend zu erkennen, dass man sich zu nichts mehr verpflichten und unter dem „beta“-Deckmantel bereits zum Voraus von allfälligen Fehlern distanzieren will. Wo bleibt der Drang nach der bestmöglichen Lösung und wo bleibt der Mut, sich zu ihr zu bekennen? Oder anders gefragt: Wo sind die Alpha-Typen?

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