Archive for the ‘Ansichten’ Category

Blocher’s Führungsprinzipien

Sonntag, 12. August, 2007

Das Buch von Journalist Matthias Ackeret mit dem Titel „Das Blocher-Prinzip“ ist nun schon etliche Wochen auf dem Markt, mittlerweilen ist eine 3. Auflage und es erhitzt immer noch die Gemüter. Landauf, landab stört man sich vor allem an zwei Aussagen: Erstens bezeichnet Bundesrat Blocher seine Mitarbeiter als Untergebene und zweitens seien Mitarbeiter, die Fragen stellen, schlechte Mitarbeiter. Nachdem sich von Nicolas G. Hayek bis hinab zum Pfadi-Gruppenleiter jeder über diese altmodischen Ansichten beklagt hat, kommt heute nun auch die SonntagsZeitung noch hinten nach. Hier kommt zum x-ten Mal auch Prof. Dr. Dr. hc. mult. Norbert Thom zu Wort, der so eingebildet ist, dass er nur Statements abgibt, wenn zugleich auch sein Foto in der Zeitung erscheint, und an seinem Institut auch einen ganz anderen Führungsstil anwendet, als er gerne in Vorträgen und Interviews predigt.

Ich möchte an dieser Stelle mal eine andere Sicht der Dinge darlegen, da mich das Blocher-Bashing ziemlich nervt. Ich gehörte zu den ersten Lesern des Buchs und fand es sehr inspirierend, da es sich zu grossen Teilen mit meinen Ansichten deckt. Selber würde ich meine Mitarbeiter nie Untergebene nennen, denn das klingt wirklich nach schicksalshaftem Ausgeliefertsein und Hörigkeit. Aber der Aspekt mit den Fragen will ich gerne kommentieren: Christoph Blocher provoziert oft und gerne, das ist bekannt und zielt immer ein wenig über das Ziel, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Er wird es deshalb kaum wörtlich meinen, dass Fragen „immer“ schlecht sind. Leider wird seine Aussage nun dahingehend interpretiert, dass der Chef eine möglichst grosse Distanz zu seinen Mitarbeitern haben soll und nur eine Einweg-Kommunikation von Chef zu Mitarbeiter stattfinden soll.

Wer das Buch wirklich gelesen hat, weiss, dass Blocher etwas anderes damit meint: Leider ist es tatsächlich so (und das beweist auch die eigene Erfahrung), dass sehr viele Mitarbeiter bei Problemen als erstes mal zum Chef rennen, ohne selber aktiv nach einer Lösung gesucht zu haben. Das läuft jeweils auf eine simple Problem-Präsentation hinaus mit der Anschlussfrage: „Chef, was soll ich nun tun?“. Der Vorgesetzte wird durch dieses ineffiziente System blockiert und der Mitarbeiter wird bevormundet, weil immer der Chef entscheidet, was gemacht werden soll. Zudem kann der Chef auch nicht in jedem Gebiet ein Experte sein und muss sich auch zuerst die benötigten Informationen einholen, bevor er fundiert entscheiden kann. Blocher’s Antragsystem sieht jetzt ganz simpel vor, dass der Mitarbeiter bereits mit einem oder mehreren Lösungsvorschlägen für das Problem kommt und einen entsprechenden Antrag stellt. Damit wird der Mitarbeiter gezwungen, auf der übergeordneten Stufe zu denken, was ihn aber im Endeffekt motiviert und wodurch er auch ernst genommen wird.

Ich selber hatte mal einen Vorgesetzten, der die PUMA-Methode angewendet hat: Bei Problemen werden die Ursachen aufgezeigt, mögliche Massnahmen präsentiert und am Schluss dem Vorgesetzten ein Antrag gestellt, wie er aus Sicht des Mitarbeitenden entscheiden sollte. Dieses System hat sehr gut funktioniert und ich fühlte mich zu keinem Zeitpunkt bevormundet, im Gegenteil: Zumeist hat der Vorgesetzte so entschieden, wie ich es beantragt hatte, worauf ich jeweils stolz und motiviert war. Vielleicht klingt das nach einem sehr starren und formalistischen Prozess, muss es aber überhaupt nicht sein. Die PUMA-Methode kann auch am Stehtisch in der Kaffeepause angewendet werden: „Du Chef, die Besucherzahlen unserer Website sind rückläufig. Meines Erachtens liegt es daran, dass die Usability schlecht ist und wir zuwenig Werbung für die Website machen. Als Massnahme schlage ich einen Relaunch vor und anschliessend eine Werbekampagne. Ich beantrage, dass wir dafür CHF X ins Budget einstellen.“ Und nicht wie so oft: „Chef, die Besucherzahlen sind rückgängig, was sollen wir bloss machen?“.

Wenn mir jemand aufzeigen kann, was an diesem Antragssystem so falsch sein soll, dann möge er/sie sich bitte in den Kommentaren äussern.

Link-Cold War rund um Facebook.

Mittwoch, 1. August, 2007

Im englischsprachigen Raum tobt seit ein paar Tagen ein Blogger-Krieg, der von einem der Beteiligten sogar schon als „Link-Cold War“ bezeichnet wurde. Im deutschsprachigen Raum habe ich bis jetzt noch nichts darüber gelesen, dabei finde ich es sowohl höchst amüsant wie auch bezeichnend:

Begonnen hat alles mit einem Statement von Jason Calacanis, seines Zeichens ehemaliger General Manager von Netscape, Gründer von Weblogs Inc. und jetzt bei Sequioa Capital, dass er ab sofort seinen Facebook-Account nicht mehr betreue, da ihn dies rund eine 1/2 Stunde pro Tag kosten würde und er sich die Zeit dafür nicht mehr nehmen wolle, da Facebook völlig überbewertet sei.
Gleichzeitig hat er auch in seinem Blog die Kommentarfunktion deaktiviert, da offenbar immer die gleichen Besucher irgendwelche negativen bis diffamierenden Kommentare hinterliessen und Jason seinen Blog denjenigen nicht mehr als Plattform zur Verfügung stellen wollte.

Diese beide Ankündigungen waren ein gefundenes Fressen für Robert Scoble aka Scobleizer, ehemaliger Top-Manager von Microsoft und wahrscheinlich erfolgreichster Blogger der Welt: Voll auf der Web2.0-Hype-Welle, prahlt dieser mit seinen 4’000 Facebook-Kontakten beschuldigt er Calacanis, dass dieser mit der modernen Welt nicht mehr zurecht komme und die Zeichen der Zeit nicht erkenne. Gleichzeitig fordert er alle auf zu kapitulieren, die ähnlich wie Calacanis denken, da so mehr Raum und Gelegenheiten für Leute wie ihn entstehen.

Der digitale Konflikt zweier so erfolgreicher Personen ist auf den ersten Blick einfach nur amüsant und könnte mit einem Lächeln abgetan werden. Gleichzeitig denke ich aber, dass es wahrscheinlich wirklich zu einer Polarisierung der digitalen Gesellschaft kommen wird: Die einen hecheln jedem Trend hinterher, haben in jedem Social Network ein Profil, denken nur noch in Anzahl Kontakten und Kommentare und ihre Freizeit besteht nur noch aus Blogs, Youtube, Facebook, MySpace, Twitter etc. Und dann ist da die andere Gruppe, die ab und zu auf Youtube vorbeischaut, ein paar Blogs liest, vielleicht ein Xing-Profil besitzt, sich grundsätzlich für neue Anwendungen im Internet interessiert – aber: die meisten davon kurz ausprobiert und dann für alle die freakigen Web2.0-Junkies nur noch ein müdes Lächeln übrig hat. Und dafür Freunde zum Essen einlädt, ins Kino geht, ein Buch liest.

Man muss zudem immer extrem aufpassen, wenn irgendwelche Web2.0-Angebote mit hohen Mitgliederzahlen hausieren: Verglichen zur Gesamtbevölkerung sind das jeweils nur ein paar mickrige Prozente, wenn überhaupt. Und die 700’000 User von Angebot A sind zu 95% identisch mit 700’000 Usern von Angebot B… So war ich letzten Freitag mit einer Bekannten essen: 29 Jahre alt, in der Nähe einer Stadt aufgewachsen, abgeschlossenes Jus-Studium, nun Anwaltspraktikum, hat vorletzte Woche zum ersten Mal etwas von Youtube gehört! Ist doch schön, dass das richtige Leben noch immer ausserhalb des Webs stattfindet, oder?

Der Unterschied zwischen Blogs und Pornos?

Mittwoch, 11. Juli, 2007

Im Digitalk 29 vom Tagi diskutieren Roger Zedi und Matthias Schüssler mit Peter Hogenkamp von Blogwerk.com und Remo Uherek von Trigami über Paid Blogging und generell über kostenpflichtige Inhalte im Internet. Peter meint, dass der Internetnutzer nicht für Inhalte zahlen will, da meistens ein ähnlicher Inhalt irgendwo im Netz kostenlos zur Verfügung steht. Seines Erachtens kann man nur exklusiven Content, der aber trotzdem viele Leute interessiert, im Internet kostenpflichtig anbieten. Deshalb zahlen die Internetnutzer „nur für das Wall Street Journal und für Porno“.

Soweit so gut, dieser Aussage stimme ich zu. Leider ist damit die Geschichte noch nicht zu Ende gedacht: Porno gab es eben noch nie wirklich gratis*, das Anbieten desselben war immer ein (notabene sehr lukratives) Business. Ganz anders die Blogs, welche als Vorläufer des Mitmach-Webs (sorry, dieser peinliche Ausdruck musste wieder mal sein), geradezu die Demokratisierung der Medien und damit von redaktionellem Inhalt zum Ziel haben – und genau deshalb ihr finanzielles Grab geschaufelt haben. Ich rede hier nicht von verkappten Tagebüchern, wo einsame Menschen ihre täglichen Sorgen bloggen. Aber Blogs wie Blogwerk machen mit ihrem hochwertigen Content (Kompliment an dieser Stelle), der kostenlos verfügbar gemacht wird, ihren eigenen Markt kaputt. Auch traditionelle Zeitungen bieten immer mehr Content gratis an; diese sehen das aber als Verkaufsförderungsmassnahme und ihren Internetauftritt (vielleicht fälschlicherweise) nicht als Einnahmequelle.

In Analogie zu Friedrich Dürrenmatt’s Bonmot „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden“ müssen wir vielleicht schlussfolgern: Was irgendwo im Internet kostenlos verfügbar ist, kann nirgendwo mehr kostenpflichtig angeboten werden!

*) Experten mögen mich korrigieren 😉

Hommage an Klaus J. Stöhlker

Montag, 2. Juli, 2007

Seit März 2005 bloggt der wohl bekannteste, aber auch berüchtigste PR-Experte Klaus J. Stöhlker. Dabei konzentriert sich sein Expertentum nicht nur auf Fragen rund um Public Relations, sondern er äussert seine dedizierte Meinung zu einer ganzen Reihe Themen von Politik über Wirtschaft und Medien bis zu Gesellschaft und Kultur: Der Fluglärmstreit und Berner Beamte sind genauso ein Thema wie Schweizer Rassismus und die katholische Kirche. Sein Lieblingsthema ist die Globalisierung, der er hingebungsvoll huldigt und zu der die meisten Schweizer Unternehmen und sowieso fast die ganze Politik den Anschluss verpasst hat.

Kein Blogeintrag lässt den Leser kalt, denn seine verbale Klinge sticht gnadenlos zu, zielt Stöhlker doch meist direkt auf die Person hinter der Sache und scheut sich nie, mit dem Zweihänder auszuteilen. Auch sich selbst weiss Stöhlker in den meisten Blogs ins rechte Licht zu rücken: Er hat selbstverständlich immer profunde Kenntnisse des jeweiligen Sachverhalts, hat Sascha Wigorowits zu 20 Minuten geholt, traf Ai Weiwei und verschafft Ernst Thomke schlechte Laune.

Aber genau deshalb gehört Stöhlker’s Blog zu meinen absoluten Favoriten: Man kann entweder seine Meinung vollständig teilen oder ist 180 Grad anderer Ansicht, dazwischen gibt es nichts. Gleichzeitig muss man ihm aber attestieren, dass er seinen Blogfinger konsequent und treffgenau auf die wunden Stellen legt. Geschätzter Klaus J. Stöhlker, ich freue mich auf noch möglichst viele erheiternde, nachdenklich stimmende, meine Meinung beeinflussende, immer aber polarisierende Postings!

The Paradox of Choice: Mehr ist weniger…

Samstag, 16. Juni, 2007

Prof. Barry Schwartz hat ein vielbeachtetes Buch zum Thema „The Paradox of Choice – Why More Is Less“ geschrieben. Gestern stolperte ich per Zufall über dieses Video, wo er an einer Google-Veranstaltung einen Vortrag zu diesem Thema hält. Dies sind seine Thesen:

In den letzten Jahrzehnten haben die Menschen immer mehr Wahlmöglichkeiten erhalten, sei es im Supermarkt, beim Telefonanbieter oder grundsätzlich bei der persönlichen Lebensgestaltung. Die gängige Meinung lautet, dass mehr Wahlmöglichkeiten mehr Freiheit und damit letztendlich mehr Wohlstand bedeutet. Prof. Schwartz‘ Theorie lautet, dass dies nur bis zu einem gewissen Grad stimmt und dann diese Korrelation negativ wird. Zuviel Auswahl führt zu drei negativen Folgen:

  • Paralyse: Vor lauter Auswahl wähle ich am Schluss gar nichts mehr, da ich mich nicht entscheiden kann und Angst habe, das falsche zu wählen.
  • Simplifizierung: Da ich gar nicht mehr alle Optionen bewerten und vergleichn kann, vereinfache ich meine Auswahlkriterien und treffe damit tendenziell schlechte Entscheidungen.
  • Unzufriedenheit: Ich kann meine Auswahl gar nicht geniessen, da ich immer davon ausgehen muss, mich falsch entschieden zu haben und dass eine andere Wahl noch besser gewesen wäre.

Prof. Schwartz untermauert dies mit sehr interessanten Studien: Zum Beispiel degustieren in einem Supermarkt mehr Kunden ein Produkt, wenn sie nur 6 zur Auswahl haben statt 24. Speed-Dating-Kandidaten fühlen sich erfolgreicher, wenn sie nur 6 statt 12 mögliche Partner treffen. Oder Mitarbeiter zahlen umso weniger Geld ihrer beruflichen Vorsorge in einen Anlagefonds, je mehr dieser Fonds sie zur Auswahl haben.

Ich empfehle euch wärmstens, den Vortrag von Prof. Schwartz anzuschauen (oder natürlich sein Buch zu lesen). Gerade als Perfektionist (siehe mein Blog-Titel…) neigt man dazu, ständig alles optimieren zu wollen und sich nie mit der aktuellen Wahl zufrieden zu geben. Dies führt aber zu einer latenten Unzufriedenheit – welche m.E. aber auch wieder Motivation für Innovation ist/sein kann. Sehr interessant ist seine Theorie aber auch für alle, welche ein Produkt, eine Website, einen Blog oder was auch immer verbessern wollen: Zuviele Features und Wahlmöglichkeiten verunsichern tendenziell den Besucher/Kunden und lassen ihn unzufrieden zurück.